Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb kürzlich einen offenen Brief an Wladimir Putin. Darin schlug er vor, Putin und er sollten sich zu einem Friedensgespräch an einem neutralen Ort treffen. Er wählte das Format des „Offenen Briefs“ wohl deshalb, weil damit nicht nur Putin allein angesprochen, sondern viele Adressaten erreicht werden sollten. So unter anderem das russische Volk, das ebenso an den Folgen dieses Krieges leidet. Donald Trump sollte endlich wissen, wie sehr das ukrainische Volk am Frieden interessiert ist und wo der Kriegstreiber in diesem Konflikt zu Hause ist. Ja, die Ukraine will Frieden, aber einen echten, gerechten und keinen Diktatfrieden, der letztlich wieder zu neuen Konflikten führen wird. Fakt ist, dieser verlustreiche Krieg ist dem ukrainischen Volk von Russland aufgezwungen worden.
Was als sogenannte „Spezialoperation“ begann, für die nur wenige Tage Kampfeinsatz vorgesehen waren, artete zu einem Krieg aus, der nun schon mehr als 1.600 Tage wütet, länger als der Erste Weltkrieg insgesamt. Eigentlich sollten nach einem kurzen Marsch auf Kiew große Siegesfeiern mit dem ukrainischen Brudervolk am Maidan inszeniert werden. Siehe da, dieses wollte partout den großen Bruder nicht. Hatte es doch bereits Erfahrungen mit ihm gesammelt und das waren keine guten.
Frei nach dem Motto: „Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich Dir den Schädel ein“, wählte Putin den Krieg. Für die Ukrainer blieb im ersten Moment des Krieges als Notwehrmaßnahme nur der Griff zur Flasche. Nein, nicht zum Alkohol griff man, sondern man füllte in Garagen tausende Flaschen mit Benzin, um damit den angreifenden Soldaten einen feurig-flammenden Empfang zu bereiten. Molotowcocktails nennt man diese Waffe. Später bastelten Technikfreaks in diesen Garagen an jenen Drohnen, die Handgranaten auf russische Soldaten abwarfen.
Das war der Auftakt jener innovativen Kriegsführung durch das ukrainische Militär, die heute von namhaften Militärstrategen bewundert wird. Die Innovationskraft bewirkte, dass sich zuletzt der Frontverlauf für die Russen eher mehr nach rückwärts als vorwärts bewegt. So stellt sich für Putin die Frage, wie er diesen Krieg beenden könnte, ohne das Gesicht gegenüber dem eigenen Volk zu verlieren? Erzählt doch die permanente Propaganda dem Russenvolk eine ganz andere Erfolgsgeschichte. Jene, vom heldenhaften Sieg über Faschisten und dem dekadenten Westen, die nur Böses dem russischen Volk antun wollen.
Noch ungeklärt ist: Wird der mächtige Führer seine Größe auch in einer eventuellen Niederlage bewahren? Denn es zeichnet sich ab, Putin wird sein wichtigstes Kriegsziel, die Ukraine zu unterwerfen, nicht erreichen. Wird er die Kriegsmaschine trotzdem weiter rollen lassen, wie sie derzeit schlecht rollt? Wird er weiter morden, weiter zerstören, bis zum bitteren Ende? Immerhin gibt es in der Zwischenbilanz etwa 1,5 Millionen tote oder schwer verletzte russische Soldaten abzurechnen und zu erklären. Der volkswirtschaftliche Schaden ist dabei noch gar nicht berücksichtigt. Fachleute nehmen an, dass dieser Krieg pro Tag (!) mehr als eine Milliarde Dollar des russischen Volksvermögens verschlingt. Riesige Panzerarsenale der Sowjet-Ära liegen als Alteisen in der Ukraine herum. Die Russen werden an den angerichteten Schäden noch zahlen, wenn Putin längst begraben ist. Ob im Ehrengrab oder sonst wo, das weiß heute noch niemand. Zurück bleibt die erschreckende Wahrheit zu einer jahrelangen Lügengeschichte eines verirrten Despoten.
Doch zurück zum offenen Brief. Selenskyj wählte für die Nachricht an Putin einen besonderen Zeitpunkt und eine besondere Kulisse. Just in Putins Geburtsstadt St. Petersburg, im Kreise elitärer Wirtschaftsbosse, beim sogenannten „Sankt Petersburger Wirtschaftsforum“ sollte er ihn erreichen. Im Hintergrund die schwarzen Rauchsäulen brennender Ölterminals, entflammt von ukrainischen Drohnen, entsandt aus mehr als 1.500 km Entfernung. Die Antwort Putins auf diesen Brief ließ nicht lange auf sich warten. Noch bei der elitären Veranstaltung, im Kreise Wohlgesinnter, erteilte er Selenskyj eine klare Absage und erließ einen Aufruf an seine Soldaten in der Ukraine mit den Worten „An die Arbeit, Brüder!“ Es darf wohl als Themenverfehlung angesehen werden, Kriegführen, morden, zerstören, als Arbeit zu bezeichnen. Aber es passt so sehr ins Bild.