Am Beispiel von Frau Schilling kann man sehen, wie gering die Wertschätzung, oder genauer gesagt, der Anspruch von manchen Berufspolitikern an die eigene Professionalität offensichtlich ist. Wie kann es sonst sein, dass man ein derart wichtiges Projekt, wie die EU-Wahl und dann später die eigentliche EU-Arbeit einer politisch unerfahrenen, jugendlichen Person federführend überlässt? Einer Person, die gerade einmal 23 Jahre alt geworden ist und die Parteiarbeit noch nie von innen gesehen hat. Sie soll also in einem so großen Format von 720 Abgeordneten und hunderten Institutionen, wie das EU-Parlament es einmal ist, professionelle Arbeit zum Wohl der gesamten Grünfraktion der EU leisten? Das ist für politisch denkende Menschen kaum vorstellbar, vorsichtig ausgedrückt. Man geht bei der Grünen-Parteiführung davon aus, und spekuliert darauf, man müsse nur eine medial zugkräftige Kandidatin, wie im konkreten Fall Frau Schilling, in die Auslage stellen und schon werden die Wähler in Scharen angelockt. Das soll eine anstrengende Sachdiskussion ersparen. So meint man, das vorrangige Ziel sei erst einmal, die Wahlen gut zu schlagen, das politische Tagesgeschäft machen ohnehin später andere. Personen, die nie gewählt wurden. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Das ist eines der Probleme, sowie eine der Ursachen für die konstante Politikverdrossenheit großer Teile der Bevölkerung. Zwischen der Wählererwartung und ihrer Erfüllung klafft ein tiefes Loch, ausgelöst durch vorsätzliche Wählertäuschung.
Man meinte, mit Lena Schilling geht man den Weg des geringsten Widerstands in der Wahlauseinandersetzung. Prompt ist, laut jüngsten Umfragen, schon vor der Wahl der Karren im Straßengraben gelandet. Bei der letzten EU-Wahl hat man mit Sarah Wiener ähnlich gehandelt, war aber erfolgreicher. Eigentlich sollte damals Herr Kogler als Politprofi für die EU-Wahl kandidieren, doch dann benötigte man ihn für den Bundesvorsitz in Wien. So wurde Sarah Wiener aus dem Hut gezaubert. Sahra Wiener war damals Gastronomin und ist für ihren medialen Einsatz zugunsten ökologisch gesunder Lebensmittel bekannt geworden. Also vertrat sie ein solides Grünthema. Sie wurde als Spitzenkandidatin erfolgreich ins EU-Parlament kandidiert. Danach hatte man 5 Jahre lang nichts mehr von ihr gehört. Zu einer Kandidatur für eine zweite fünfjährige Amtszeit wollte sie sich nicht mehr hergeben, obwohl man sich dies in der Parteiführung gewünscht hätte. Sie wird wissen, warum. Weil die damalige Wahlkampagne mit Frau Wiener offensichtlich erfolgreich war, sollte auch dieses Mal eine Quereinsteigerin überraschen. Wahlprogramm egal, Hauptsache ein telegenes Gesicht, das man als engagierte Streiterin für Umweltschutz bereits in der Öffentlichkeit kennt. Der aktive, teilweise militante Widerstand gegen den Lobautunnel und der Stadtstraße zur Seestadt sind Schillings Referenzprojekte. Beide, Sahra Wiener und auch Frau Schilling waren bei ihrer Nominierung für die Kandidatur keine Parteimitglieder.
Das ist die eine Seite, die Kandidatenauswahl der Grünen betreffend. Aus Sicht der Parteispitze das Erfolgversprechendste zu tun. Einfach durch eine aufsehenerregende Nominierung einen Überraschungseffekt gegenüber dem Mitbewerb zu erzielen und so das mediale Interesse an sich zu ziehen. Doch im konkreten Fall kommt erschwerend humanitäre Verantwortung der grünen Parteispitze ins Spiel. Die Verantwortung gegenüber einem jungen, unerfahrenen Menschen, seinen Lebensweg durch einen kurzfristigen, möglichst schnellen Erfolg in schwere, nicht wieder gutzumachende Turbulenzen zu bringen. Jeder weiß, das Klima in der politischen Auseinandersetzung ist rau, unfair, intrigant und selbst für Profis nicht immer leicht zu verkraften. Tatsächlich, dieses durch die Kandidatur ausgelöste persönliche Desaster bleibt Lena Schilling wie Kaugummi an Schuhsohlen haften und wird ihren weiteren Lebensweg begleiten. Was immer sie beruflich anstreben wird, es bleibt dabei, diese Ereignisse werden bei ihrer Karriereentwicklung zumindest in den nächsten Jahren im Hintergrund immer eine Rolle spielen. Bereits in wenigen Wochen ihrer Kandidatur wurde sie in aller Öffentlichkeit zur Denunziantin, Intrigantin und Lügnerin gebrandmarkt, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehme. Das ist eine Punzierung, die man keinem Menschen wünscht, schon gar nicht einer jungen Person, die ihren ganzen Lebensweg noch vor sich hat.
Es soll an dieser Stelle auf den Inhalt der Diskussionen um Frau Schillings vermeintliches Fehlverhalten oder ihre charakterliche Eignung für ein politisches Amt nicht eingegangen werden. Es ist gänzlich egal, wer welche Schuld in ihrem Umfeld auf sich geladen hat. Ob die behaupteten Vorwürfe wahr oder nur konstruiert sind. Fakt ist, die Nominierung hat ihre Wirkung verfehlt. Statt über Grünthemen, wie Klimaschutz, die besonders in der EU wichtig sind, weil sie nur dort nachhaltig gelöst werden können, wird über infantile, kindergartenähnliche Chats und vermeintliche Affären in Schillings Freundeskreisen während der laufenden Wahlauseinandersetzung diskutiert. Das Endergebnis dieser Art Wahlkampfführung werden wir am 9. Juni abends kennen. Lange Gesichter in der Parteizentrale der Grünen sind zu befürchten.