Die Welt ist voller Irrtümer und Fehleinschätzungen. Davor ist leider auch die große Weltpolitik mit ihren vermeintlich weltgewandten Politikern nicht gefeit.
Donald Trump hat beispielsweise versprochen, sobald er wieder Präsident der Amerikaner sei, werde er den Krieg in der Ukraine innerhalb von 24 Stunden beenden. Natürlich hatte er einen glasklaren Plan dazu: Deals, Deals, Deals für seinen Freund Wladimir. Als lang gedienter Geschäftsmann (allerdings nicht immer ganz so erfolgreich) habe er positive Erfahrungen damit. Er werde Putin mit Deals überschütten, damit dieser endlich von der Ukraine ablässt. Nebenbei wird er den Russen die halbe Ukraine ohne Vorbedingungen über die Köpfe der Ukrainer hinweg überlassen. So der Plan. Deals als Ablenkung gegen Aggression.
Inzwischen ist fast ein Jahr seiner zweiten Präsidentschaft ins Land gezogen, der rote Teppich in Alaska längst wieder eingerollt, der Krieg in der Ukraine tobt ärger als je zuvor. Was war geschehen? Weshalb haben die unwiderstehlichen Angebote Trumps bis jetzt nicht geschafft, den Krieg zu beenden?
Die Antwort darauf ist fast zu banal, um wahr zu sein. Putin hat schon alles, was Trump ihm bieten könnte. Geld, Besitz, Reichtum, einen goldenen Palast im Kreml. Keinen nachgemachten güldenen Kitsch, wie Trump im Weißen Haus. Alles echt, historisch, aus der imperialen Zarenzeit gewachsen. Nur die Ukraine hat er bislang nicht. Sie will er, aber ganz. Deswegen reden die alten Herren aneinander vorbei. Denn Putins Weltsicht ist die Macht über ein großes russisches Weltreich, es sollte zumindest so groß wie die alte Sowjetunion sein. Zu tief sitzt die Verwundung durch Barack Obama, den ehemaligen amerikanischen Präsidenten, der Russland als Regionalmacht bezeichnete. Trumps Weltsicht dagegen ist Money, Money, Money. Und das möglichst viel davon für sich selbst und den Seinen. Wie unbedeutend mag das Staatsinteresse des Amerikaners in den Augen eines Putin erscheinen, der seinerseits ausschließlich die Vision besitzt, als großer Herrscher in die Geschichte Russlands einzugehen. Putin kalkuliert vorsorglich, er weiß, Trumps Welt des Business ist vergänglich, genauso vergänglich wie der goldene Kitsch im Weißen Haus. Schon in knapp drei Jahren kann wieder ein ganz anderer Wind aus Amerika wehen. Was wirklich bleibt, wäre endlich der glorreiche Sieg über die Ukraine. Putin ist jedoch in Verhandlungen Taktiker genug, Trump nicht gleich einen Korb zu geben, sondern die angestrebten Ergebnisse mit Totschlag-Argumenten auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben. Das berühmteste Argument gegen sofortigen Frieden, oder zumindest sofortigen Waffenstillstand ist jenes: „Ja, wir, die Russen, sind auch für Frieden, aber zuvor müssen in tiefergehenden Verhandlungen die Ursachen dieses Krieges beseitigt werden.“
Die Ursache des Krieges ist schnell gefunden. Putin will auch in der Ukraine eine Russland-hörige Volksvertretung, wie in Belarus. Für die gesamte Ukraine und nicht nur für die annektierten Gebiete. Für Putin gilt daher, solange diese selbst definierte Forderung nicht erfüllt ist, sind die Kriegsgründe nicht beseitigt. So kann er pro forma Friedensbereitschaft dem eitlen Mann in Washington signalisieren und trotzdem weiter kämpfen. Trump glaubt dieses doppelbödige Spiel vielleicht sogar.
Und doch, auch dem ausgebufftesten Visionär können Fehleinschätzungen passieren. So erging es Wladimir Putin im Februar 2022. Als er den Befehl zur Durchführung seiner „Spezialoperation“ zum Sturz der ukrainischen Regierung und des ihm verhassten Präsidenten – ein Komiker im früheren Brotberuf – gab, war klar, dass diese Operation längstens in wenigen Wochen erledigt sei. Mit der Vertreibung der bestehenden Regierung von der Macht, von ihm als Nazis denunziert, und der Einsetzung eines russlandtreuen Regierungschefs sollte dieses Vorhaben rasch abgeschlossen sein. Die Bevölkerung würde sich schon an die neuen Machthaber gewöhnen. In Belarus ist das schließlich auch gelungen, nach einem großangelegten Wahlbetrug.
Es kam ganz anders. Als die russischen Panzerbesatzungen an der Grenze zur Ukraine wochenlang ihre Drohgebärden übten, füllte die ukrainische Bevölkerung vorsorglich Flaschen mit Benzin, um die russischen Besatzer mit Molotow-Cocktails „feurig“ zu begrüßen. Dies signalisierte den Angreifern, wir wollen einfach nicht wieder unter dem Joch der russischen Besatzer leben. Wir wollen West-Standard. Nichts da, mit der raschen Siegesparade am Maidan. Stattdessen entstand vor Kiew ein 60 km langer Stau über mehrere Wochen. Der Kriegstross mit Panzern und allerlei Kriegsgerät wurde von wagemutigen ukrainischen Soldaten gestoppt. Sie schossen die Tankwagen, die Panzertreibstoffe transportierten, aus der Kolonne in Brand, andere nahmen Panzer mit Javlins, das sind schultergestützte amerikanische Panzerabwehrkanonen, ins Visier und blockierten so die Vorwärtsbewegung. Statt der Siegesfeier am Maidan lautete der neue Befehl, Rückzug in den sicheren Donbass.
Aus der Sonderoperation, die nur ein paar Wochen dauern sollte, wurde ein handfester Krieg, der bereits das vierte Jahr tobt. Ein Krieg, der der ukrainischen Bevölkerung viel abverlangt, der aber auch den Russen einen hohen Blutzoll und enormen volkswirtschaftlichen Schaden zufügt. Geschätzt, eine Million tote oder schwer verwundete russische Soldaten sind kein Pappenstiel. Dazu Milliardenwerte an zerstörtem Kriegsmaterial und die angestrebten Kriegsziele in weiter Ferne. Das war sicher so nicht geplant, doch es gibt kein Zurück. Der Gesichtsverlust wäre viel zu groß.
Ob Putin als der große Imperator eines glorreichen Russlands in die Geschichte eingehen wird oder sein Land an den Lasten dieses Krieges und möglicherweise weiterer Kriege zerbricht, wird erst die Zukunft zeigen. Die Aussichten auf eine gute Entwicklung sind nicht vielversprechend. Wie es mit Donald Trumps Begehren um den Friedensnobelpreis weitergeht, ist auch noch nicht geklärt. Er hätte ihn so gerne, weil sein Präsidenten-Kollege Barack Obama ihn schon am Beginn seiner Präsidentschaft erhielt. Die Frage bleibt, wie sehr er sich mit seinem bisher zweifelhaften Engagement für einen echten, gerechten und dauerhaften Frieden für die Ukraine mit preisverdächtigem Ruhm bekleckert. Oder ob daraus wieder nur ein drittklassiger Deal herauskommt, bei dem die schwächere Partei einfach über den Tisch gezogen wird.
Auch in diesem Konflikt bestätigt sich, wie so oft in der Weltgeschichte, es sind die menschlichen Unzulänglichkeiten großer Politiker, die Völker ins Unglück stürzen. Im konkreten Fall der klein gewachsene Mann im Kreml, in seinem ungestillten Geltungsdrang nach historischer Größe, dort im Weißen Haus der Narziss, für den Geld und Anerkennung alles bedeuten. Ihre Irrtümer und Fehleinschätzungen inklusive.